Einmal VI – Das Wiedersehen

Der Tantra-Workshop ist fantastisch. Dreißig wunderbare Frauen jeden Alters tanzen, schreien, weinen, lachen und ich bin jeden Tag mehr eine von ihnen. Doch vieles davon ist verschwendet an mich, denn obwohl ich keinen Schimmer habe, wie die Dinge zwischen V. und mir stehen, verlieren sich meine Gedanken viel zu oft zu ihm. Der Frühling ist mild, die Luft riecht zum verrückt werden und treibt mich allabendlich auf den Hügel hinter dem Seminarhaus, wo der Handyempfang am besten ist. V. antwortet stets höflich, lässt sich aber nicht in die Karten gucken.

Am letzten Tag habe ich während einer Körperarbeit ein Erlebnis, das mein Selbstbild erschüttert: Ich begegne meiner Angst. Zunächst erkenne ich sie nicht, kann dieses diffuse Gefühl, das mich umklammert und erdrückt nicht einordnen. Als das Offensichtliche benannt wird, suche ich zunächst nach anderen Erklärungen. Nichts erscheint mir im Kontext von Körperlichkeit und Hingabe so fremd wie die Angst. Sexualität ist die einzige Droge, die mich je interessiert hat und ich war immer stolz darauf, mich auf diesem Feld sicher und ganz in meinem Element zu fühlen. Woher dann diese Angst? Ich weiß die Antwort instinktiv, obwohl ich sie noch nicht verstehe und es mir unendlich peinlich ist, sie auszusprechen: Ich habe Angst vor meinem Mann.

V. könnte auch selber auf die Idee kommen, ist aber wieder so verdammt vorsichtig. Kurz vor Ende des Workshops bin also wieder ich es, die fragt, ob wir uns noch einmal sehen wollen, bevor ich zurück nach Hause fahre. Ich fände es schön, wenn er mich abholen würde und wir den Nachmittag bis zu meinem Rückflug mit Picknicken, Spazierengehen, im Gras liegen und Reden verbringen könnten. Er erfindet so lange Hinderungsgründe, bis wir uns am Morgen meiner Abreise auf die unverfänglichste aller möglichen Varianten einigen: Ein Treffen in seiner Stadt, in einem zentral gelegenen Café, zu dem er mit dem Fahrrad fährt. Er scheint mir wirklich alles zuzutrauen. Dabei will ich ihn nur noch mal sehen und ihm zeigen, wer ich bin.

Diesmal ist es einfacher. Keine Erwartungen, kein Programm, kein Zeitdruck. Wenn nur meine Lippen aufhören würden zu zittern. Ich frage, was ich in seiner Wohnung nicht gefragt habe. Er weicht aus. Zum Glück. Er sagt, er sei froh gewesen, dass ich in seinem Bett die Fäden in die Hand genommen hätte, da er nicht gewusst hätte, was ich wollte. Kaum vorstellbar, dass ihm das nicht aufgefallen sein sollte. Doch aus seinem Verhalten wird jetzt sehr deutlich, dass ich ihn als Frau nicht interessiere. Der Tantra-Kurs hat mich so mit Selbstwert aufgeplustert, dass ich dieses Phänomen amüsiert zur Kenntnis nehme.

Wir sitzen uns in der Sonne rittlings auf einer Holzbank gegenüber und sehen uns in die Augen. Ich erzähle von dem Workshop und er von seiner Depression, von seinen Beziehungen und seiner Tochter. Als es nichts mehr zu sagen gibt, frage ich, ob ich seine Hand nehmen darf. Er nickt. Dann schließt er die Augen und lehnt sich an mich. Lange verharren wir so, schweigend, Hand in Hand, Herz an Herz.

Bevor wir uns verabschieden, gehe ich nach drinnen auf die Toilette. Während ich zu unserem Platz zurückkehre, lasse ich meinen Blick ein letztes mal über die Szenerie schweifen und bewege mich mit der Gewissheit, von ihm beobachtet zu werden. Doch als ich vor ihm stehe, sehe ich, dass er sein iPhone angrinst. Wir umarmen uns zum Abschied lange und fest. Ist das jetzt ein Ende oder ein Anfang – und wovon?

Als ich aus unserer Gefühlsblase heraustrete und auf die Uhr schaue, wird mir klar, dass ich spät dran bin. Die Nachmittagssonne sticht, der Koffer ist unhandlich und der Weg zum Nahverkehrsbahnhof weiter, als ich dachte. Es dauert, bis ich jemanden finde, der mir mit dem Fahrkartenautomaten helfen kann und auf dem richtigen Gleis angekommen, stelle ich fest, dass der nächste Zug erst in zwanzig Minuten fährt. Nach einem Blick auf mein Ticket ist klar, dass ich einen Helikopter bräuchte, um rechtzeitig zum Einchecken zu kommen. Die Sache ist gelaufen – ich werde meinen Flug verpassen. Als ich in der Bahn sitze, habe ich meine bebende Stimme so weit im Griff, dass ich meinen Mann anrufen und ihm mitteilen kann, dass ich später komme. Er ist genauso entgeistert wie ich. Auf dem Flughafen stellt sich dann heraus, dass ich nicht umbuchen kann, sondern ein neues Ticket kaufen muss. Immerhin werde ich noch an diesem Abend fliegen können. Ich kann nicht fassen, dass das alles mir passiert, der perfekt organisierten, pflichtbewussten, sparsam haushaltenden Dreifachmutter. Wo ist diese Frau geblieben?

Ich setze die Kopfhörer auf und höre Zaz, stundenlang. In der Lounge, während des Fluges, in der U-Bahn, bis ich wieder auf dem kleinen Vorortbahnsteig stehe, von dem aus ich vor fünf Tagen losgefahren bin. Mein Mann wartet schon auf mich.