Einmal V – Die Weiterfahrt

In völliger Verwirrung sitze ich in meinem Regionalzug. V. schreibt: „Verpasst, stimmt’s?“ und „Es hat mich berührt“. Ich verstehe überhaupt nichts. Allmählich lässt die hormonelle Übersteuerung nach und mein Gehirn beginnt, die Eindrücke der letzten Stunden zu sammeln. All die widersprüchlichen Details, die ich beiseitegeschoben hatte, sickern in mein Bewusstsein:

Eigentlich hat er von Anfang an versucht, die Luft rauszulassen und Zeit zu gewinnen. Schon als ich noch im Zug saß. Die Frage, ob ich etwas essen wolle. Seine Versuche, mir die Wohnung zu zeigen und am Küchentisch seine Exbeziehung zu diskutieren. Dann seine Befangenheit und diese seltsame Überleitung zum Bett. Ich konnte ihn überhaupt nicht einschätzen.

Seine Zärtlichkeit war echt, aber als ich versucht habe, die Gangart zu wechseln, wirkte er nicht sinnlich, genussvoll, neugierig oder gar leidenschaftlich, wie ein Mann, der die Liebe liebt, sondern lahm und lustlos, routiniert und effizient. Er hat keinen Quadratzentimeter mehr angefasst als unbedingt nötig. Er hat aus eigenem Antrieb weder mich noch sich ausgezogen. Er hatte die meiste Zeit die Augen geschlossen, hat kaum einen Ton von sich gegeben. Er hat mich mit undurchdringlicher Miene bedient wie einen Kassettenrecorder.

Irgendwann, viel zu spät, war mir die Einsicht gekommen: Ich sollte endlich von ihm ablassen. Er will etwas ganz anderes von mir. Er braucht mich, um wenigstens für einen Moment von seiner Einsamkeit erlöst zu sein. Wie ein Kind habe ich ihn in meinen Schoss gezogen und in den Armen gehalten und da endlich hat er sich mir hingegeben. Ich habe seinen Schlaf gehütet und bin glücklich gewesen, ihm so nah sein zu können.

Nachdem ich ihn geweckt hatte, hat er sich geniert, vor meinen Augen ins Bad zu gehen. Dabei sah er auch unbekleidet nicht nackt aus. Wie ist es möglich, dass der Körper dieses Mannes, dessen Gesichtszüge offenbaren, dass er sich in seinem Leben nichts erspart hat, so unverbraucht wirkt, so viel Reinheit und Unschuld ausstrahlt?

Was ist schief gelaufen? Was habe ich falsch gemacht? Warum konnte oder wollte er nicht? Das macht alles keinen Sinn. Das passt nicht zu dem, was und wie er mir vorher geschrieben hat. Für mich hat sich alles so richtig angefühlt. Viel besser und ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich konnte nicht wissen, wie er in Wirklichkeit sein würde und wie es mir damit gehen würde – nach 17 Jahren Monogamie ein anderer Mann, noch dazu ein völlig Unbekannter! Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so öffnen, dass so viel Gefühl dabei sein würde. Das war auch nicht der Plan. Ich wollte Unverbindlichkeit und Anonymität, bloß keine emotionalen Risiken. Es sollte ein hemmungsloses Aufeinanderprallen nach einem rasanten, wilden Flirt sein und dann: aus den Augen, aus dem Sinn.

Anderthalb Jahre, ungezählte Therapiestunden und geschätzte 1,5 Millionen digital getauschte Wörter später kann ich fast darüber lachen, wie vollkommen ich mich damals geirrt habe – in mir und in ihm.