Einmal – Der Plan

Nur noch ein einziges Mal wollte ich das Rauschen der Hormone spüren, das Funkeln und Prickeln auf der Haut, die Glut, die Worte, Blicke und Hände auslösen können. Nur ein einziges Mal ausbrechen aus meinem Gefängnis aus Verantwortung, Abhängigkeit und Gefühllosigkeit und eintauchen in den Strudel der körperlichen Liebe. Das hatte ich mir verdient, fand ich. Das wäre der gerechte Ausgleich für die vielen Jahre, die ich meinem Mann treu zur Seite gestanden und mich zu seinem Fußabtreter gemacht hatte. Und dann? Dann würde ich gewiss die nötige Kraft haben, um mein verfahrenes Leben wieder in den Griff zu bekommen. Davon war ich tatsächlich überzeugt.

Alles ist perfekt vorbereitet, denn ich bin ein Organisationstalent. Nach den schlaflosen Nächten der letzten Wochen fühle ich mich an diesem Freitagmorgen blitzwach, voller Vorfreude und strahlend schön in dem Kleid, das ich mir von einer Freundin geliehen habe. Kaum zu fassen, dass mein Mann keinen Verdacht schöpft, als er mich am Bahnhof verabschiedet. Ich spüre keinen Hauch von schlechtem Gewissen und es ist mir egal, dass ich so ziemlich jedes banale Klischee über Frauen in den besten Jahren bediene. Fünf Stunden im ICE trennen mich noch von den geschickt kaschierten zwei Stunden, die ich im Bett eines fremden Mannes in einer fremden Stadt verbringen will. Danach soll es mit dem Regionalzug weiter gehen zu dem idyllischen Tagungshaus, in dem mein fünftägiger Tantra-Workshop stattfindet.

Ich hatte lange nach so einer Gelegenheit gesucht. Genauer gesagt seit sechs Monaten. Seit meine jahrelangen Depressionen nachgelassen und ich – neben vielem anderem – meinen Körper wiederentdeckt hatte. Damals hatte ich mich nackt vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer hin und her gedreht und festgestellt, dass es nicht so schlimm war, wie ich gedacht hatte. Ich hatte angefangen, unter der Schicht aus bekleckerten, unförmigen Jeans und schlabberigen T-Shirts die Frau hervor zu schälen, die ich mal gewesen bin. Ich war ins Fitnessstudio gegangen, hatte mir die Haare abschneiden lassen und wie ein Teenager die Kosmetikabteilung des Drogeriemarktes durchstreift. Und ich hatte Lust auf Sex, richtig guten Sex. Die Gedanken daran waren so plastisch und intensiv, dass mir manchmal fast übel davon wurde. Es fehlte nur das passende Objekt für den erlösenden Akt.

Die Männer aus meinem Umfeld – Papas aus Kindergarten und Schule, Nachbarn aus unserem ländlichen Wohnprojekt – kamen nicht in Frage, viel zu riskant. Ich ging meine alten Kontakte durch und stieß auf einige bewährte Verehrer, aber der einzige, der alle Kriterien erfüllte, lehnte mit Hinweis auf seine Ehe dankend ab. Schließlich fand ich meinen Kandidaten in dem Internetforum einer Jugendseite, für die wir beide zu alt waren. Er hatte sich dort schon lange mit der erprobten Mischung aus sexy Coolness und Gefühligkeit in Szene gesetzt, ich gab die freche, geheimnisvolle Newcomerin. Seine leidenschaftlichen Texte, das Profilfoto, auf dem er anrührend scheu und unkonventionell männlich wirkte, sein wohldosiertes Flirten trafen meine sentimentale, einsame Seele im Mark. Wir offenbarten uns in langen Nachrichten unsere emotionale Sehnsucht und sexuelle Frustration und ich raste vor Verlangen. Er schrieb, er glaube ein sehr guter Liebhaber zu sein und das war nicht nur mutig sondern – wer hätte es gedacht? – genau das, was auch ich glauben wollte.

In den Wochen bis zu unserer Verabredung wurde er zum Fixstern in meinem Alltag. Morgens, wenn ich vom Kindergarten zurück in mein Haus kam, in dem nicht nur Berge von eintöniger Arbeit, sondern auch zwei schulabstinente Kinder auf mich warteten, schaltete ich das Laptop an und schrieb. Nachmittags, wenn ich hätte spielen und kochen sollen, schickte ich mein Kleinkind nach draußen und schrieb. Abends, wenn mein suchtkranker Mann das Laptop brauchte, lag ich alleine im Ehebett und träumte. Jedes noch so kleine Lebenszeichen meines Schwarms schüttete Kaskaden von Endorphinen in meinem Hirn aus und es vergingen keine zehn Atemzüge, ohne dass ich an ihn dachte. Endlich hatte ich eine passwortgeschützte, virtuelle Insel der Glückseligkeit gefunden, auf der ich mich vor all den ungelösten Problemen und unbequemen Wahrheiten meines Lebens verstecken konnte.