Einmal IV – Das Zusammensein

„Wollen wir schmusen?“ fragt er mit einem flauen Lächeln. Angesichts des Gerammels vor meinem inneren Auge klingt das grotesk, aber erleichtert lasse ich mich zu dem Bett in seinem Zimmer führen. Er legt sich ganz nah zu mir und murmelt: „Es kann sein, dass ich weine.“ Ich muss schlucken, denn eben dieser Gedanke lag mir auch auf der Zunge. Sachte berühren sich unsere Lippen, seine Fingerspitzen spielen mit den Haarsträhnen in meinem Nacken und zeichnen die Konturen meines Gesichtes nach. Er ist gut zu mir und das tut so gut, dass mir die Tränen kommen. „Schön bist du.“ sagt er. Ich höre ein „aber“ mitschwingen, frage aber nicht, wie der Satz in seinem Kopf endet.

Als er beginnt mich zu küssen, weiten sich meine Pupillen, doch in seinen Augen lese ich nur Traurigkeit und Angst. Ich hatte mit wohligem Schaudern erwartet, dass er drängend sein würde, fordernd, besitzergreifend, doch er ist zögerlich, kommt nicht aus der Reserve, lässt mich nicht richtig an sich heran. Also versuche ich, Dynamik in das Spiel zu bringen – mit Erfolg. Seine Hände sind geübt. Er arbeitet präzise die üblichen Hotspots ab und mein überspannter Körper reagiert mit dem Temperament einer Herde Wildpferde auf jede Berührung. Ich entledige mich umstandslos meiner Kleidung und bitte ihn, das gleiche zu tun.

Seine makellose Schönheit überrumpelt mich, damit hatte ich nicht gerechnet. Andächtig streichele ich seine zarte, schiere Haut und auf einmal ist es wieder da, dieses Gefühl, das ich schon damals hatte, als sich unsere Worte zum ersten Mal berührten: Als würde ich durch die spiegelglatte Oberfläche eines tief im Wald verborgenen Sees dringen. Eines Sees, den ich kenne, den ich schon ungezählte Male durchmessen habe, bis an den Rand meiner Kräfte.

In mir springt ein Modus an, den ich noch nicht kenne. Oder den ich vergessen habe. Ich kann mich nicht erinnern, je einen Mann mit solcher Wucht begehrt zu haben. Sein Geruch macht mich schwindelig, die Erregung würgt mir die Luft ab und verzerrt meine Stimme. Sobald seine Finger in mich eintauchen, lässt die Lust mich endgültig die Fassung verlieren. Im nächsten Moment würde die angestaute Flutwelle sich in haltloses Schluchzen ergießen, doch ich will nicht alleine schwimmen. Ich will es mit ihm tun. Jetzt. Ich will mit ihm im Wasser dieses Sees baden, die Körper sich selbst überlassen.

Langsam beuge ich mich über ihn und schiebe meine Hand unter den Bund seiner eng anliegenden Boxershorts.

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Eine Stunde später haste ich die Treppen hoch zu meinem Gleis und komme gerade rechtzeitig, um den Zug abfahren zu sehen. Eine Weile starre ich hinterher, dann setze ich mich auf eine Bank.

Das war es also jetzt? Ich fühle mich wie ein sorgfältig eingewickeltes Päckchen, das aufgerissen und achtlos beiseite geschoben wurde. Oder wie ein Volltrottel, der ein einziges Mal in seinem Leben einen Ferrari fahren durfte und die Gangschaltung nicht in den Griff bekommen hat. Ich ziehe meine Jacke über, hole die Wasserflasche aus der Tasche und trinke einen Schluck, auch wenn ich damit seinen Geschmack aus meinem Mund spüle. Mir ist danach, sie auf den Bahnsteig zu schmettern, aber sie ist aus Plastik und der Effekt würde mich nicht befriedigen.

Der nächste Zug fährt in einer Stunde.