Einmal III – Die Begegnung

Als ich die Treppen runter komme, sehe ich ihn an die Kühlerhaube seines alten Saab gelehnt stehen. Lässig sieht er aus und ganz anders als ich dachte. Sportliche Figur, Jeans, T-Shirt, Chucks. Aber sein Gesicht wirkt älter und die Augen passen nicht zu dem jugendlichen Erscheinungsbild. Er erkennt mich auf den ersten Blick, lächelt und umarmt mich. Schlagartig bin ich so nervös, dass meine Lippen zittern. Seine körperliche Präsenz und Wärme ziehen mich an und ich weiß jetzt schon, dass ich ihn will. Er erzählt, dass er vor Aufregung die Nacht durchgemacht habe und noch gar nichts essen konnte. Und dass er sich zum Schluss gefragt habe, ob alles nur Fake sei.

Auf der kurzen Fahrt zu seiner Wohnung zeigt er mir die Stadt und checkt mich aus dem Augenwinkel ab. Die Sitze seines Wagens sind so niedrig, dass mir das Kleid immer weiter die langen nackten Beine hoch rutscht. Eigentlich perfekt, doch statt ihm einen herausfordernden Blick zuzuwerfen, ziehe ich verwirrt den Saum runter. Er lacht und sagt, ich würde wie ein kleines Mädchen wirken. Mir dämmert, dass ich total aus der Übung bin und wohl besser die vertrauten Jeans anbehalten hätte.

Er parkt in einer ruhigen Nebenstraße mit mehrstöckigen Altbauten. Ich lasse mein Gepäck im Kofferraum und gehe mit schwingenden Hüften vor ihm die Treppen hinauf. Während er in meinem Rücken die Wohnungstür schließt, bleibe ich stehen und hoffe einen Augenblick lang inständig, dass er mich gleich hier auf der Stelle um Hals und Hintern packt, an die Wand presst und nimmt. Bloß keine weiteren peinlichen Momente. Bloß nicht länger aus der Distanz von einem Mann taxiert werden, der viel zu genau weiß, was ich von ihm will. Nicht länger an dieser quälenden Schwelle zwischen Fremdheit und Intimität verharren, die Sehnsucht mit großen Buchstaben auf meine Stirn geschrieben. Doch davon ist er weit entfernt.

Er zeigt mir die große, studentisch wirkende Wohnung und setzt mich dann an den Küchentisch. Ich könnte gut etwas Hochprozentiges vertragen, aber er schenkt mir ein Glas Wasser ein und schmiert sich mit zitternden Händen ein Marmeladenbrot, während ich resigniert zusehe, wie unsere kostbare Zeit zerrinnt. Seine beiden Katzen streichen um meine Füße, ziehen aber schnell wieder ab, als sie merken, dass ich nach Hund rieche. V. erzählt von der Beziehung zu seiner Exfreundin, die er immer noch liebt und mit der er sich so sehr eine Familie gewünscht hätte. Er scheint sich irgendeine bahnbrechende Erkenntnis von mir zu erhoffen, aber in meinem Kopf ist nur Platz für die Frage, wie ich näher an diesen Mann herankomme, der nur noch einen Meter von mir entfernt ist.

Ich möchte ihn anfassen. Ich mag seine Stimme, seine Bewegungen, seine Hände, seine Augen. Ob ich einfach aufstehe, mich rittlings auf seinen Schoss setze und ihn küsse? Doch ich bin wie gelähmt und habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten, wie ich ihm in die Augen sehen soll. Ich bin weder in der Lage, ihn souverän um den Finger zu wickeln, noch die Situation mit ein paar offenen Worten zu klären. Endlich hat er aufgegessen und scheint zu bemerken, dass meine Gedanken und Blicke ihn umkreisen. „Männer träumen von so etwas.“ sagt er. Das dachte ich auch immer. Aber was ist mit ihm? Wovon träumt er?