Einmal II – Die Anreise

Es ist fünfzehn Jahre her, dass ich alleine weggefahren bin und noch länger, dass ich mit einem Mann ins Bett gegangen bin, der nicht mein Mann ist. Ich fühle mich wie eine Ausreißerin, verwegen und überlegen. Dem Display im ICE zufolge nähere ich mich mit 250km/h meinem Ziel.

Wie er wohl so ist? Wir haben nur unsere Vornamen genannt (falls seiner überhaupt stimmt) und ein paar Fotos ausgetauscht. In meiner Phantasie ist er lebenshungrig, abgründig, tiefsinnig und sensibel. Mein Beuteschema waren immer ältere, erfahrene Männer, Gleichaltrige oder gar Jüngere haben mich nie gereizt. Doch wie sich herausgestellt hat, liegen nur wenige Monate zwischen unseren Geburtstagen. Seine Freundin hingegen könnte locker die ältere Schwester seiner Tochter sein. Das heißt im Klartext, dass in seinem Bett sonst eine Frau liegt, die genau halb so alt ist wie er. Und wie ich. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass mich das nicht beschäftigt.

Der Zug hat jetzt die Hälfte der Strecke zurückgelegt und das scheint mir der richtige Zeitpunkt für die erste SMS zu sein. Er ist noch bei der Arbeit und klingt ungewohnt reserviert. Ich frage nach dem Wetter und er will wissen, ob ich Hunger habe. Ein seltsames Gespräch wenn man bedenkt, was wir vorhaben. Er schreibt, es sei frühlingshaft warm und ich antworte, dass ich gerade ein Sandwich gegessen habe. Ein Mitreisender, der verfolgt, wie meine Augen leuchten, wenn das alte Handy meiner Tochter summt, lächelt mir verschmitzt und etwas wehmütig zu. Als er aussteigt, wünscht er mir noch einen schönen Tag.

Seit ich vor sieben Jahren mit meiner Familie aus einem urbanen Szeneviertel an den Stadtrand gezogen bin, habe ich kaum noch Kontakt zu anderen Männern gehabt. Jedenfalls keinen, der über Smalltalk mit Nachbarn und anderen Eltern hinausgegangen wäre. Es gab weder Flirts noch intensive Gespräche, ich habe weder Arbeitskollegen noch männliche Freunde. Meine Kreise sind im Laufe meiner Ehe immer kleiner geworden und Männer kamen darin überhaupt nicht mehr vor.

Als ich dann vor sechs Wochen das Internetforum entdeckt hatte, war es befreiend gewesen, im Schutz der Anonymität ehrlich sein zu können, auszusprechen, was ich fühle und denke, was ich mir wünsche und was ich brauche. All das, was ich schon lange keinem Menschen mehr anvertraut, was ich mir nicht mal selber eingestanden hatte, was ich zum Schluss nicht mal mehr wahrnehmen konnte. Schreibend hatte ich mich wiedergefunden und mich dabei in diese facettenreiche, sprachgewandte Frau verliebt. Ich hatte es genossen, von männlichen Usern umworben zu werden – wenn auch auf plumpe und talentfreie Weise. Bis V. aufgetaucht war und ich endlich ein ebenbürtiges Gegenüber hatte. Wir schrieben, träumten und spielten miteinander wie Kinder, die sich auf dem Dachboden verstecken, um all ihre Geheimnisse zu teilen.

Die Möglichkeit, uns persönlich kennen zu lernen, ergab sich dann völlig überraschend und zufällig. Wir hatten beide Bedenken und Ängste, konnten aber auch nicht von der Idee lassen. Er ist schlauer gewesen als ich, vorsichtiger. Er ist lange am Rande des Abgrundes stehen geblieben, auf der sicheren Seite, bevor er vorgeschlagen hat, mich vom Bahnhof abzuholen, mit zu sich nach Hause zu nehmen und zu vögeln. „Reden macht uns beide nicht satt“ hat er gesagt.

V. schreibt, er könne keinen Parkplatz finden und ich gehe zur Toilette, um mir die Zähne zu putzen und die Jeans unter dem Kleid auszuziehen. Pünktlich um 14.34 Uhr stehe ich mit dem Koffer in der Hand im Gang und nehme Anweisungen entgegen, zu welchem Ausgang ich gehen und nach welchem Auto ich suchen soll. In zwei Stunden fährt mein Anschlusszug, da zählt jede Minute.