Eiszeit V – Ein Anfang

Weihnachten in der Klinik. Ich bekomme ein Päckchen von meiner Familie. Die Freude darüber dauert nur ein paar Meter, dann trifft mich das schlechte Gewissen wie eine Keule in die Kniekehlen: Wenn ich eine gute Mutter wäre, wäre ich jetzt nicht hier, sondern da. Ich würde mit meinen Kindern backen und basteln, singen und spielen und ihnen über die vor Aufregung und Vorfreude rosigen Wangen streichen, statt durch endlose Trümmerfelder zu irren. Ich hätte ihnen ein Haus aus Liebe gebaut, ein lebendiges, buntes Schmetterlingshaus, in dem sie die Geborgenheit und Unterstützung erhalten, die ich mir selber immer gewünscht habe. Dabei war ich so sicher, alles anders und besser gemacht zu haben. Und habe doch das Offensichtliche übersehen: Seine Sucht, seine Respektlosigkeit, seine Lügen. Meine Abhängigkeit, mein Schweigen, meine Angst.

Eines Abends klopft der Pirat an meine Tür. Sie zersplittert. Wir segeln unter den Sternen und der Mond scheint auf meine blasse Haut bis sie blüht.

Der Winter ist noch nicht zu Ende, doch das Eis ist geschmolzen. Trübe hängt die Luft über den Feldern. Sie riecht nach Gülle und Rauch. Struppiges Grün und stoppeliges Braun verschmelzen mit nacktem Grau. Dazwischen fangen vereinzelte Schneeflecken meinen Blick. Ich weiss nicht, was schwerer zu ertragen ist: Farben, die nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, bis zu Unkenntlichkeit ausgelaugt und ineinander geflossen oder ihre absolute Abwesenheit.

An einem Mittwoch bin ich abgefahren und an einem Mittwoch komme ich zurück. Wenn ich daran denke, sehe ich den Hauptbahnhof vor mir. Die vielen Gleise, die Zugluft, riesige Werbeplakate. Dabei bin ich doch noch ein letztes mal umgestiegen, um wieder ein Stück aus der grossen Stadt heraus zu fahren. Aber vielleicht bin ich nicht da angekommen, wo ich ausgestiegen bin. Bin nicht in mein Auto gestiegen und habe mich nicht zurück bringen lassen in mein altes Leben.