Eiszeit IV – Tiefer Fall

Ich kann die Familienfotos nicht in mein Zimmer stellen, den Ring nicht am Finger tragen. Wenn Post kommt, schliesse ich sie ungeöffnet in den Schrank. Ich will nur ich sein. Das ist schwer genug.

„Haben Sie Ängste?“ fragt meine Therapeutin. Ich verneine. Aber das stimmt nicht. Morgens wache ich schweißnass auf, weil ich geträumt habe, dass jemand nach mir ruft. Die Schritte auf dem Flur vor meinem Zimmer lassen mich aufschrecken. Ich weiss nicht, warum. „Was brauchen Sie von den anderen?“ fragt sie weiter. Ich weiß es wirklich nicht. Ich will nichts brauchen.

Ein runder, heller Saal, hohe Decke, Parkettboden. Die Musik ist so laut, dass ich den Rhythmus im ganzen Körper spüre. Gerade noch war ich stolz, mich aufgerichtet zu haben, hatte überglücklich die Schwerkraft überwunden, spielerisch tastend den freien Stand erreicht. Doch meine winzigen Füße wagen sich keinen Schritt mehr voran. Um mich herum werden die Bewegungen immer raumgreifender, ausladender. Nur ich bin allein. Ich darf nicht, kann nicht mitmachen. Eine Zeit lange fühle ich noch den Impuls, zu kämpfen, doch dann sinke ich. Stilles, dunkles Wasser umfängt mich und ich sinke langsam immer tiefer, bis auf den Grund des Sees.

Nichts ist selbstverständlich für mich, denn ich bin nicht gewollt gewesen. Meine Mutter badete heiß und schrubbte das Treppenhaus, aber der Fötus blieb, wo er war. Ich war eine Zumutung. Meine Eltern hatten sich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt, in der mein Vater sich zwanzig Jahre jünger gemacht hat. Meine Mutter hat sich in einen Mann verliebt, der ihr Vater hätte sein können. Der Vater, den sie nie kennen gelernt hat, weil er vor ihrer Geburt starb. In dem Krieg, der ihren Mann für den Rest seines Lebens traumatisiert hat. Schuld, Verzicht, Leid und Mangel hatten ihrer beider Kindheit und Jugend geprägt. Leben hieß, zu überleben, indem man die Hoffnungen so lange erstickt, bis das, was übrig bleibt, einem keine Angst mehr macht.

Und dann ein Baby. Ich habe oft gefragt, warum. Damals gab es schon die Pille, meine Eltern waren politisch aufgeklärt und modern. Aber nicht im Bett. Da herrschten Hilflosigkeit und Schweigen.  Als sie ihm sagt, dass sie ein Kind erwartet, lautet seine Antwort: „Dann werde ich die Verantwortung übernehmen.“ Auf den Hochzeitsfotos sieht meine Mutter aus wie Jackie Kennedy: Perfekt gekleidet, angestrengt lächelnd, zu alt für ihre jungen Jahre. Während der Schwangerschaft raucht sie weiter, weil sie gehört hat, dass das Kind dann nicht so groß und die Geburt leichter wird. Doch auch dieser halbherzige Plan misslingt. Nach stundenlangen Wehen sagt der Arzt grinsend zu ihr „Rein geht leichter als raus!“ Welch Zynismus für eine Frau, die nie erfahren hat, wie viel Freude der eigene Körper schenken kann. Sie stillt mich nicht. Wenn sie mich füttert, bekomme ich immer zu wenig, denn ich soll nicht dick werden. Dicke Babys findet sie hässlich. Ich bin da, weil ich ihrem Leben einen Sinn gebe. Mehr darf ich nicht sein.

Ich liege immer noch auf dem Grund meines tiefen Sees. Erstarrt, betäubt, gelähmt. Von der Mitte des großen Saales bin ich zum Rand gegangen, um nicht von den wild tobenden Massen überrannt zu werden. Der Therapeut kommt zu mir und legt den Arm um mich. Er sagt: „Sie können jetzt hier stehen bleiben. Das kennen Sie schon. Oder sie können einen Schritt nach vorne machen. Es ist Ihre Entscheidung.“

Ich mache den Schritt.

Meine Mutter hat mich auf die Welt gebracht. Das Leben muss ich mir selber schenken.