Eiszeit III – Der Einbruch

Ich breche ein. Ohne Vorwarnung, ohne Übergang, als hätte es das letzte halbe Jahr nie gegeben. Als hätte ich meine Pirouetten auf dünnem Eis über einer Luftblase gedreht. Reglos starre ich auf die Welt jenseits meiner tiefgefrorenen Behausung. Auf bunte Blätter, spielende Kinder, geschäftige Nachbarn. Der Frost dringt mir bis in die kleinsten Knochen, lähmt noch die letzte Muskelfaser. Ich habe keine Kraft mehr für mein Leben, das mir wie eine endlose Aneinanderreihung von Schuldgefühlen, Scham und Scheitern erscheint. In mir sind keine Worte mehr und kein Willen.

Meine Ärztin drückt mir einen Zettel in die Hand. Er ist DIN A5 gross und weiss – bis auf die wenigen Silben, die meine Rettung werden sollen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich es geschafft habe, alles vorzubereiten. An Wintergarderobe, Geschenke, Adventsschmuck, Hund, Haushalt, Schule, Kindergarten und tausend andere Dinge zu denken, damit das komplexe und fragile System auch ohne mich reibungslos weiter läuft. Sicher hat mir die jahrelange Routine geholfen. Als letztes packe ich meine Koffer und kaufe eine Fahrkarte.

Frühmorgens am Tag meiner Abreise stehen alle meine Lieben am Bahnsteig und winken. Als der Zug sich in Bewegung setzt, brechen endlich die Tränen aus mir heraus. Die Tränen, die zu weinen ich mich nie getraut hatte. Tränen der Dankbarkeit, einfach alles hinter mir lassen zu dürfen.

Die Fahrt dauert viele Stunden und mit jedem Kilometer wird mir leichter ums Herz. Ich werde von der Bahn abgeholt, bekomme einen Zimmerschlüssel, eine Hausordnung, einen Stundenplan. Für alles ist gesorgt. Für mich ist gesorgt.

Ich habe nicht geahnt, dass es einen Ort wie diesen gibt und noch weniger, dass er einmal Teil meines Lebens werden würde. Aber er tut mir gut. Die anderen tun mir gut. Wir halten uns an den Händen, schauen uns in die Augen und sagen uns die Wahrheit. Unsere Wahrheit. Nachts, wenn ich zitternd vor Kälte unter drei Decken liege, höre ich sie. Meinen Zimmernachbarn, der leise in seine Kissen schluchzt. Die Frau von gegenüber, die ruhelos durch die Gänge streift. Das junge Mädchen, das nicht aufhören kann, den Schlüssel im Schloss zu drehen. Und fühle mich geborgen.

Tagsüber tanze ich, als wäre ich die einzige Überlebende einer Naturkatastrophe. Zum erstem Mal in meinem Leben berausche ich mich an Farben und Formen, male mich in Trance. Gefühle durchströmen mich und füllen meine Zellen mit Wärme und Licht. Erst vibrieren sie nur zaghaft, dann wachsen sie unaufhaltsam zu einer Druckwelle an, die mich selig taumeln lässt. Ich suche lange nach dem richtigen Wort dafür und finde es schliesslich in einer meiner vereisten Herzkammern: Glück